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Freitag 30.07.2010

Schicke Schuhe vom orthopädischen Schuhmacher

Schuhe werden geweitet, Foto: wn

Schuhe werden geweitet. Foto: wn

Sie sehen aus wie qualitativ hochwertige, modische Schuhe und sind dabei vor allem eines: das Ergebnis der hohen Kunst des orthopädischen Schuhmacher-Meisters Dreiling. In seinen Schuhen verbindet sich handwerkliches Können mit dem medizinisch Notwendigen und einem ausgeprägten Sinn für Ästhetik.

In einer kleinen Seitenstraße in der Kölner Südstadt liegt ein kleines Mekka der Qualitätsbewussten. Im ansonsten leeren Schaufenster hängt ein etwa zwei Meter breites und 40 cm hohes Foto von einem Mädchen auf einer Wiese. Es ist schwarzweiß. Passend zur Innenausstattung des dahinter liegenden, kleinen Empfangsraums, dessen Wände und Boden ganz in weiß gehalten sind. Gleich im Eingangsbereich erhebt sich aus dunklem Holz ein Tresen, der durch sachliche Schlichtheit besticht. Es ertönt die Türglocke und hervor kommt die Hündin Elfrieda, die sich gerne genüsslich streicheln lässt.

Elfrieda ist ein schwarz-weiß-braun gemusterter Australian Shepherd mit flauschigem Fell. Knapp halb so groß ist der Hund, der hinter ihr auf dem Boden liegen bleibt. Dieser kleine Hund gehört einer Kundin Mitte 30, die im Rollstuhl sitzt. Ihre Füße, die in dunkelblauen, schönen Schuhen stecken, wirken leblos, klein und haben eine ungewöhnliche Form. Genau darum ist sie hier. Ihr gegenüber, auf einem der beiden schwarzen Lederstühle sitzt der orthopädische Schuhmacher Meister Dreiling. Ihr sachliches Gespräch über Abrechnungs-Modalitäten mit der Krankenkasse kommt gerade zum Abschluss. Der neue Auftrag ist besiegelt.

Herr Dreiling wirkt jung, wach und agil. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer, der selbst wenig spricht und mit seinen warmen, klaren, blauen Augen einen intensiven Blickkontakt mit seinem Gegenüber pflegt. Er trägt legere Alltags-Kleidung, an der kein Staub-Körnchen zu haften scheint. Auch seine Hände sind makellos sauber, als er dem jungen Hund der Kundin spielerisch die Leine anlegt, bevor er den beiden zum Abschied die Tür aufhält.

Schuhe aus der sauberen Werkstadt

Maßanfertigung, Foto: WN

Maßanfertigung. Foto: wn

“Ich habe halt keine Lust, meine Zeit in einem völlig abgerockten Laden zu verbringen”, kommentiert er die Sauberkeit um sich herum, die eher untypisch ist für eine Werkstatt, in der Schuhe und Einlagen nach Maß hergestellt und repariert werden. Herr Dreiling reduziert seine um Sachlichkeit bemühten Äußerungen auf das Notwendige, so wie alles um ihn herum stilvoll auf das Notwendige reduziert ist. An der Wand hinter dem Tresen steht ein einziges schmales Regal, in dem kurz vor Feierabend noch ein paar Schuhe und ein paar mehr Einlagen auf ihre Abholung warten.

Es riecht nach nichts. Nicht nach Kleber, nicht nach Leder, sondern ganz neutral. Durch eine klare Glastür geht es in die hinter dem Empfangsraum liegende, weiße Werkstatt, in der es ebenfalls nach nichts riecht. “Diese schädlichen Dämpfe will ich weder Elfrieda noch mir antun”, sagt er und weist auf das große geöffnete Fenster. Es gibt den Blick frei auf einen winzigen Innenhof, in dem eine große exotisch wirkende Blühpflanze der Sonne entgegenwächst.

Die Werkstatt misst etwa 30 Quadratmeter, ist genauso sauber und reduziert wie der Empfangsraum. Nur die Schuhe und Leisten, an denen aktuell gearbeitet wird, verteilen sich in verschiedenen Fertigungs-Stadien auf zwei Regale. Und kein einziges paar Schuhe gleicht dem anderen. Eine Angestellte sitzt mit Blick auf den Innenhof an ihrem Platz und fügt mit routinierten Griffen Teile von Schuhen zusammen. Sie leimt Sohlen, nagelt und tackert Ledersäume daran fest. In reiner Handarbeit. Denn dies ist ein Ort, an dem die Qualität des traditionellen Handwerks über allem steht.

Gerne und ungefragt präsentiert Herr Dreiling verschiedene Schuhe und Schäfte. Detailliert erklärt er den Aufbau von Spezial-Sohlen, Einlagen, Aufbauten und Kappen zwischen Ober- und Unterleder. Er zeigt ein paar fast fertige Boots im Trekking-Look, bei denen man schon genau hinsehen muss, um zu sehen, dass sie viel breiter sind als normale Schuhe. Und der rechte ist zwei Zentimeter länger als der linke. Beim Blick auf den Schaum-Abdruck der Füße dieser Kundin werden weitere Besonderheiten sichtbar, die es ihr unmöglich machen, in normalen Schuhen zu gehen.

Orthopädische Maß-Schuhe nach individuellem Geschmack

In einem Regal liegen die Schäfte für ein paar elegante Budapester. Die für diese Herren-Schuhe typischen Lochmuster hat Herr Dreiling per Hand eingestanzt. Loch für Loch in einer Präzision, die für sich spricht. Ein Herr mit operiertem Klumpfuß freut sich schon darauf. Andere Kunden haben verschieden lange Beine und brauchen Schuhe, die diese Differenz über eine erhöhte Sohle ausgleichen. Herr Dreiling macht das so geschickt, dass es nicht zu sehen ist.

Was zu sehen ist, sind Schuhe, die genau so aussehen, wie die Kunden sie sich wünschen. Der Meister der orthopädischen Maß-Schuhe setzt alles daran, die Design-Wünsche seiner Kunden eins zu eins umzusetzen. Daher ist jedes Paar individuell gestaltet. Und mit Rezept vom Arzt zahlen sie dafür trotzdem nur den üblichen Eigenanteil von 72 Euro. Den Rest zahlt die Krankenkasse. Das Extra an gutem Design kostet den Kunden also kein Extra-Geld.

Durch die Verschmelzung von gutem Design und hoher Qualität hat Herr Dreiling auch Stammkunden mit ganz gesunden Füßen und Körpern, die sich hier ihre Wunsch-Schuhe nach Maß anfertigen lassen. Vom eleganten Herrenschuh bis zum modischen, hochhackigen Damen-Pumps ist alles machbar. Das hat natürlich seinen Preis. Aber diese Kunden setzen wie der Meister der orthopädischen Schuhe auf Klasse statt Masse und leisten sich diesen rein privaten Genuss zum Preis von ungefähr 1.000,- Euro gerne ein- bis zweimal im Jahr. Auch in Zeiten der Krise.

Die Treue zum Schuh-Spezialisten

„Von der Krise war und ist hier in der Werkstatt nichts zu spüren.“ Und ganz bescheiden gibt er zu, dass selbst das Chaos des U-Bahn-Baus der Treue der Kunden zu ihrem Schuh-Spezialisten nichts anhaben konnte. „Sie erwähnen vielleicht kurz, dass es fast unmöglich geworden ist, diese Werkstatt mit dem Auto zu erreichen“. Aber zum Glück eben nur fast. Denn längst nicht alle Kunden kommen aus der näheren Umgebung. Und dann fällt dem zurückhaltenden Meister der Schuhe ein: “Ja doch, ein bisschen spüren wir, dass die Menschen sparsamer werden. Es kommen mehr Leute als früher, die ihre ‘von der Stange’ gekauften Schuhe zum Reparieren bringen.” Ein leises Lächeln huscht auf sein Gesicht. Er beugt sich hinab, um seiner Hündin Elfrieda das flauschige Fell zu streicheln. Sie legt sich ihm zu Füßen, genießt den Moment.

Ein freudestrahlender Kunde verlässt die Werkstatt in schwarzen, klassisch zeitlosen Boots. „Einen besseren orthopädischen Schuhmacher kann ich mir nicht vorstellen. Und dieser Sinn für Ästhetik, der schon im Schaufenster beginnt! Immer wieder ist es anders gestaltet.“ Mit vor Begeisterung glänzenden Augen erzählt er von einem riesigen Mobile aus Eiern, das zusammen wie ein großes Ei wirkte. Er weiß nicht mehr, in welchem Jahr das hier hing. Dass Herr Dreiling überhaupt nicht darüber spricht, mit welcher Liebe zur Kunst er sein Schaufenster immer wieder neu gestaltet, wundert den Kunden nicht. “Der Gute ist eben kein Freund großer Worte.” Er ist ein Freund großer Qualität und Ästhetik. Mit wachsendem Fan-Kreis.

Die Adresse:

Dreiling Orthopädie Schuhmacher, Im Ferkulum 35, 50678 Köln, 0221-31 50 89

Keine Website. Keine Werbung.

Links:

http://www.medizinfo.de/wundmanagement/dfschuh.htm

http://www.anwalt24.de/fachartikel/orthopaedische-massschuhe-luxus-oder-notwendigkeit-gossens-berlin

http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/letzte-sendungen/7309292-hintergrund-7309171.html

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