
miovista - Über den Budapestblog
Seit Oktober 2007 lebt Christine mit ihrer Familie in Budapest. In diesem Weblog schreibt sie von ihren Erlebnissen. Und besonders, was sie zusammen mit ihrem Kind in Budapest erlebt.
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Montag 16.06.2008
Hin und her, hoch und runter: Pest an einem Tag !
Früh am morgen besorge ich Tagestickets am déli palyaudvar, während Julia und Beatrice noch frühstücken. Wir haben uns heute viel vorgenommen: An einem Tag die bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Pest erkunden! Die rote Metro bringt uns zum kossuth lajos ter am Parlament. Um elf Uhr beginnt eine deutsche Führung. Es ist 9:30 Uhr und daher schauen wir uns erstmal um. Das Parlament liegt direkt an der Donau und von dort aus haben wir einen herrlichen Blick auf Buda und das Burgviertel.
Der Kirchturm der Matthiaskirche ist zwar noch immer verhüllt, aber die Dächer mit ihren bunten Ziegeln sind endlich sichtbar. Nach beiden Seiten wird die Kirche von der Fischerbastei mit ihren sieben hellen Türmchen umrandet. Rechts daneben sticht das moderne Gebäude des Hotels Hilton deutlich heraus. Die Kalvinistenkirche prägt das Bild am Ufer, wo mit Beginn der Saison immer mehr Donauschiffe anlegen.
Das Parlamentsgebäude schaut mit seiner Vorderseite zur Donau und ist somit von Buda aus am besten zu bestaunen. Wir begeben uns zum Eingang an der Rückseite. Da haben wir ein Stückchen zu laufen, denn das Bauwerk ist 268m lang und 123 m breit.
Um das Parlament herum gibt es viel zu entdecken. Eine ungarische Fahne mit einem großen Loch fällt uns ins Auge. Dies soll an den Aufstand der Ungarn gegen den Kommunismus im Oktober 1956 erinnern, der von den Soviets blutig niedergeschlagen wurde. Vor dem Fahnenmast befindet sich ein symbolisches Grab für die vielen hunderten von Toten die hier starben.
Wir laufen weiter seitlich am Parlament vorbei über den großen kossuth lajos ter. Der Platz wurde benannt nach Lajos Kossuth, den Anführer der gescheiterten Revolution 1848 gegen die Habsburger. Kossuth flüchtete ins Exil und setzte sich bis an sein Lebensende für die Unabhängigkeit Ungarns ein. Heute ist er in Ungarn ein Nationalheld.
Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Um viertel nach zehn stellen wir uns in die Warteschlange. Davon gibt es zwei. Eine Warteschlange um ein Eintrittsticket zu holen. Hat man dieses muss man aber wieder über den Platz zurück und sich hinter der Absperrung wieder anstellen für die Führung. Es werden immer nur zwei Leute von einem Uniformierten durch die Absperrung gelassen. Dieses laufen dann gemütlich quer über den Platz zur Kasse und schlendern ebenso gemütlich wieder zurück. Um elf Uhr sind wir keine fünf Meter weiter vorgerückt und die Führung fängt ohne uns an. Das ist echt ärgerlich. Hätten wir vorher nicht so gebummelt.
Enttäuscht laufen wir den kossuth lajos ter runter, über die nador utca zum Landwirtschaftsministerium. Dort stecken dicke Bronzekugeln in der Fassade des Gebäudes. Sie füllen die Einschusslöcher von 1956, als auf Demonstranten scharf geschossen wurde. Ich habe ein unheimliches Gefühl mich direkt davor zu stellen. Hier prasselte ein Kugelhagel auf Menschen ein und heute tobt der Großstadtalltag an den Gemäuern vorbei.
Auf dem Weg zur vecsay utca gibt es einen kleinen Platz mit der Statue des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy. Er erklärte im November 1956 den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt. Doch der Versuch ungarischer Unabhängigkeit schlug fehl und Imre Nagy wurde 1958 in einem Geheimprozess verurteilt und hingerichtet.
Der nachdenkliche Mann in der Mitte der Brücke ist eines meiner Lieblingsdenkmäler überhaupt in Budapest. Man sollte sich Zeit nehmen, sich einfach auf einer der Bänke gegenüber setzen und es ein paar Minuten beobachten. Imre Nagy selbst schaut direkt auf das Parlament. Schaut man zur anderen Seite die vecsay utca entlang, so strahlt einem der kommunistische Obelisk prachtvoll entgegen.
Wir kommen am szabadsag ter, am Freiheitsplatz, an. Zur Zeit der Habsburger befand sich an dieser Stelle eine riesige Kaserne. Nach dem ersten Weltkrieg wurde hier eine ungarische Fahne auf einem Hügel aufgestellt. Die Erde des Hügels bestand aus Landesteilen die Ungarn nach Kriegsende an Nachbarländer abtreten mußte. Dieses Denkmal wurde von den Soviets entfernt und zu Ehren der gefallenen sovietischen Soldaten der Obelisk mit einem goldenen Stern aufgestellt. Es ist eines der sehr wenigen gebliebenen kommunistischen Denkmäler in Budapest. Wahrscheinlich auch, weil das Denkmal auf Soldatengräbern gebaut wurde.
Wir laufen über den szabadsag ter. Er ist sehr ruhig, sauber und umringt von prächtigen Gebäuden. Beatrice amüsiert besonders das Gebäude der früheren Börse. Hier befindet sich nun der Sitz des ungarischen Fernsehens Magyar Televizio, abgekürzt: MTV. In der Mitte des Platzes wurde ein neues Cafe eröffnet, außerdem gibt es zwei sehr gepflegte Spielplätze. Weil wir die Parlamentsführung verpasst haben, sind wir nicht in Eile und Julia darf sich etwas auf dem Spielplatz austoben bevor es weitergeht.
Durch die Hercagprima utca geht es direkt zur St. Stephans Basilika. Ihre große Kuppel und die Zwillingstürme prägen die Skyline von Budapest. Während der Bauarbeiten stürzte die erste Kuppel ein. Von 1851 bis 1906 dauerte der Bau während dessen zwei Architekten verstarben. Erst der dritte, Jozsef Kauser, erlebte die Einweihung der Basilika, in der übrigens regelmäßig Hochzeiten stattfinden.
Leider gibt es keine deutsche Führung. Trotzdem lassen wir Julias Buggy draußen stehen und sehen uns alles in Ruhe an. Die Basilika ist restauriert, es funkelt aus jeder Ecke. Mir gefällt besonders der Blick nach oben in die Kuppel. Für 500 Forint nehmen wir den Fahrstuhl nach oben aufs Dach.
Es ist sehr windig. Ich nehme Julia lieber auf den Arm, während Beatrice Fotos macht. Wir haben die Zwillingstürme direkt vor der Nase und einen super Blick. Nicht nur das Parlament ist interessant, auch die einfachen Wohnblocks. Von hier oben kann man sehr gut die quadratische Bauweise von Pest erkennen. Wie Schluchten graben sich die Straßen durch die Stadt. Die meisten Häuser haben in der Mitte einen Innenhof. Läuft man durch Pest, kann man manchmal durch einen Flur einen Blick in einen Hof erhaschen. Diese Innenhöfe werden oft von den Bewohnern liebevoll gepflegt. Sie sind eine Oase, bieten Ruhe, Luft und Schatten im Sommer. Nicht selten wächst in der Mitte ein Baum, von den rundherum angelegten Balkonen leuchten bunte Blumen.
Wir fahren wieder runter. Unser Buggy, den wir unten an einer Mauer angelegt zurückgelassen hatten, ist noch da. Julia wird langsam müde und setzt sich sofort hinein. Jetzt ist die Zeit doch wie im Flug vergangen und auch wir können eine Pause vertragen. Aber erstmal geht es über die Bajcsy-Zsilinszky-ut zur gleichnamigen Metrostation der gelben Metro.
Die Ungarn sind sehr stolz darauf die älteste U-Bahn Kontinentaleuropas zu haben. Die Londoner U-Bahn ist folglich älter. Budapest hat drei Untergrundbahnen, die vierte wird gerade gebaut. Darauf ist hier allerdings momentan kaum einer gut zu sprechen, denn der Bau ist zeitaufwändiger und teurer als geplant, und die Baustellen richten regelmäßig ein Verkehrschaos an. Die gelbe Metro ist die älteste Strecke. Sie verläuft direkt unter der Prachtmeile von Budapest, der Andrassy ut, und verbindet die Innenstadt mit dem Stadtwäldchen. Früher hatten die Eingänge zu den einzelnen Stationen Pavillons. Doch diese wurden abgerissen und durch eine gelbe Metallzaunumrandung ersetzt.
Anders als bei den anderen moderneren Untergrundlinien wurde hier kein Tunnel gebohrt, sondern ein Graben ausgehoben und die Straße wieder darüber gebaut. Wir müssen den Buggy wieder zusammenbauen, denn es führen nur Stufen hinunter zur Metro. So viele Stufen sind es aber nicht, wir stehen wirklich direkt unter der Straße. Als wir ankommen fährt die Bahn, die übrigens wirklich gelb ist, gerade weg. Aber keine zwei Minuten später ist die nächste da. Julia ist ganz begeistert. Sie liebt Bahn und Bus fahren.
Wir steigen am Oktogon aus. Hier kreuzt sich die Andrassy ut mit der Jozsef körut. Wir wollen uns am Jokai ter ein Restaurant aussuchen und Mittag essen. Es ist sonnig und alle Lokale haben ihre Tische draußen aufgebaut. In der Mitte des länglichen Platzes wachsen hohe Bäume, die im Hochsommer wertvollen Schatten spenden. Uns ist es im Schatten noch etwas zu kühl, wir setzen uns lieber in die Sonne. Obwohl wir so nah an der Hauptstraße mit ihrem tosenden Verkehr sind, ist es am jokai ter herrlich ruhig. Hier verbringen viele Angestellte ihre Mittagspause in den Cafes oder auf den Bänken unter den Bäumen. Julia ißt seit wir in Ungarn wohnen im Restaurant immer Gulaschsuppe. Sie liebt es das Weißbrot in die Brühe zu tunken.
Nach unserer kleinen Pause steigen wir am Oktogon wieder ein und am Hösök tere, dem Heldenplatz, wieder aus. Hier am Millenniumsdenkmal begann letztes Jahr meine Stadtrundfahrt. Das macht auch Sinn, denn hier ist die ungarische Geschichte verewigt. Mittelpunkt sind die Stammesfürsten und der erste ungarische König Arpad. Dahinter stehen die wichtigsten Könige, Freiheitskämpfer und Politiker des Landes. Während des Sozialismus fanden hier Aufmärsche statt, heutzutage Kundgebungen und Demonstrationen. Immer wenn ich vor dem Millenniumsdenkmal stehe, möchte ich schnell wieder weg. Auf den versiegelten, spiegelglatten Platz knallt die Sonne. Es ist grell und heiß.
Hinter dem Denkmal führt eine Brücke über einen künstlich angelegten See, der allerdings momentan, zumindest in großen Teilen, nicht mit Wasser gefüllt ist. Wir sind am varosliget, dem Stadtwäldchen angekommen. Hier gefällt es mir schon besser. Das Stadtwäldchen ist eher ein Stadtpark mit vielen freien Wiesenflächen, einzelnen großen und kleinen Bäumchen. Ein sehenswerter Höhepunkt ist die Burg Vajdahunyad. Es handelt sich hier nicht um eine richtige alte Burg, sondern ein Fantasiegebäude, das unterschiedliche architektonische Stilrichtungen beinhaltet: Romantik, Rokoko, Gotik, Renaissance und Barock. Auch wenn ich nicht wirklich viel davon verstehe, versuch ich doch immer wieder zu erraten zu welcher Epoche dieses Fenster oder jenes Türmchen gehört.
Gegenüber der Burg schart sich eine Reisegruppe um das Denkmal Anonymus. Es stellt den Verfasser der ersten ungarischen Chroniken die im 12. Jh. entstanden da. Fast jeder der Reisegruppe setzt sich auf die Statue und lässt sich fotografieren, also machen wir das einfach auch mal.
Wir spazieren noch etwas durch den Park. Zurück geht es an der allatkerti körut entlang am Vergnügungspark, Zirkus und Zoo vorbei. Wieder fahren wir mit der gelben Metro, diesmal bis zum deak ter. Am erzsebet ter steht der Lavendel in voller Blüte und Passanten stecken ihre Füße für ein paar Minuten ins Wasser.
Beatrice hat sich ausdrücklich ein Besuch im Gerbeaud gewünscht. Endlich sind wir am vörösmary ter angekommen. Das Wetter hat sich gehalten, wir setzen uns draußen an einen Tisch. Neben uns sitzt eine große und lautstarke Gruppe Engländer, die nicht so ganz ins Bild passen. Einer diskutiert etwas lallend am Handy und fragt die Bedienung wie denn “that place” heißt. “Gerbeaud” sagt die Bedienung etwas entgeistert. “Ohharbohh” grölt der Engländer ins Handy.
Julia weiß sich dagegen zu benehmen. Kultiviert isst sie ihre Torte und lässt mir großzügig den Rest. Nach einem kurzen Abstecher zur Donaupromenade bummeln wir über die vaci utca, einer Einkaufstraße mit den üblichen Geschäften die es auch in deutschen Innenstädten gibt. Auf dem zweiten Teil der vaci utca, hinter der szabadsajto ut, gibt es dann hauptsächlich Restaurants und Touristenshops.
Bepackt mit Einkauftüten kommen wir an der Markthalle an, die aber leider schon geschlossen hat. Trotzdem ist das schöne Gebäude ein guter Abschluss für unsere Stadttour. Für einen Tag haben wir viel gesehen und sind zufrieden. Jetzt müssen wir noch den Heimweg antreten. Auf dem Weg zum Bus treffen wir die Engländer wieder. Sie sitzen wieder in einem Straßencafe, singen noch lauter als zuvor und wieder hängt der gleiche Typ an seinem Handy. Beatrice, Julia und ich sind ziemlich geschafft. Julia schläft noch im Bus ein und bis zum nächsten morgen durch.
Kategorie: Budapest entdecken, Pest abseits d. Altstadt, Pester Altstadt | 2 Kommentare »
Autor: chriwyr
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2 Reaktionen zu “Hin und her, hoch und runter: Pest an einem Tag !”
Béatrice
Am 17. Juni 2008 um 17:21 Uhr
Super!
Hier nochmal der Link zu den Streetdancern, die, bevor wir zum Café Gerbeaud gegangen sind, gesehen haben. Eine tolle Straßenatmosphäre! http://www.youtube.com/watch?v=XugVeyxZE-4
war wirklich n toller tag!!
JudithAm 19. Juni 2008 um 23:41 Uhr
Liebe Christine, liebe Béatrice,
das ist ja echt wahnsinn, was Ihr Euch da – samt Julia – an einem Tag angesehen habt.
Es klingt eher nach einem mehrere-Tage-Programm! ![]()
Auch irre, was man heutzutage alles bei youtube findet.
Es freut sich schon auf den nächsten Blogeintrag, Judith
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