160 Stufen Stufen an der "Sünderstaffel", so hoch wie ein Kugelschreiber. Mit Zwischenplatteaus. Schnurgerade. Von der Straße aus gabelt sich die Staffel elegant, um unten wieder symmetrisch in ein Rondell zu münden. Auf halber Höhe schlackern einem Jogger die Beine. Dem jungen Mann drehen sie sich bei jedem Schritt ein wenig nach außen. Tip-Tap-Tip-Tap, mal höher, mal tiefer, nur einer halben Sekunde Abstand. Er prustet die Luft laut durch seinen Mund und zieht sie schließlich geräuschvoll wieder ein. Sein Hemd klebt. Berechnet müsste er die 160 Stufen in 80 Sekunden schaffen.
Stäffele prägen das Stadtbild Stuttgarts
Keine Stäffele ist dabei wie die andere. Sprengelbeton manchmal, oder auch graue Naturstein, der bereits unterspült ist vom Regen. Mal einen halben Kugelschreiber hoch, manchmal auch fast eineinhalb. Mal zwei Füße breit, manchmal auch zehn. Manchmal schnurgerade, manchmal verwinkelt und mit verwunschenen Ecken, hinter denen immer neue Details erscheinen.
Die Stäffele, "Stufen", von Stuttgart führen gnadenlos über Wiesen, durch Wälder, durch Straßen. Sie sind Abkürzungen, die direkte Stufenverbindung zwischen den Serpentinen einer Straße. Ein guter Weg eben zum Ziel, in die Vororte der Stadt hinein. Oder umgekehrt in den Innenstadttalkessel hinab.
"Wenn Stuttgart keine Stäffele hät, dann wäre es kein Stuttgart mehr, dann wären seine Mädels nicht, so schlank und nicht so schön", dichtete so auch Friedrich Vogt in Stuttgarter-Dichter. "Als sparsamer Schwabe spare ich mir das Fitnessstudio und den Heimtrainer, wenn ich über Stäffele zu meinen Zielen in der Hangbebauung gehe", beschreibt auch
Stäffele-Wanderer Herbert Medek die Vorzüge.
Schätzungen besagen, dass es mehr als 400 von ihnen mit einer Gesamtlänge von 20 Kilometern gibt, die genaue Zahl kennt aber keiner. Ihr Alter ist hingegen bekannt: Viele Stäffele dienten früher als Wege in die Weinberge der Stadt, wurden zum großen Teil Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt. Und später dann ausgebaut, bepflanzt und kultiviert, als neue Wohngebiete die Berge hinaufdrängten.
Goethe und Casanova nutzten die Stäffele
Schon der Dichter Goethe durchwanderte die
Stuttgarter Weinberge zu Fuß. 1797 bestieg er die Hügel auf seinem Weg nach Hohenheim. "Nun habe ich Tage hier verlebt, wie ich sie in Rom lebte", lobte er die Stadt beim Wandern fast überschwänglich beim Verlassen.
Mehr auf der Flucht war hingegen ein anderer Literat. Giacomo Casanova ist aber auch weniger für seine Verse bekannt als für seine ausschweifenden Frauengeschichten. Zudem war der Herzensbrecher ein leidenschaftlicher Spieler, der 1760 seine Spielschulden nicht bezahlen wollte – und dann mit der Hilfe dreier Tänzerinnen die Flucht aus dem Gefängnis hinauf in die Weinsteige antrat.
Kultur und Wein in Stuttgart
Heute ist eine Flucht vor Stuttgart unnötig, die Stadt hat viel zu bieten: Das zweite große Thema der Stadt ist der Wein. Spezielle Weinwanderungen laden hier ebenso ein wie ein Besuch des Stuttgarter Weingutes, welches im Stadtbesitz ist. Oder natürlich das "Viertele" – einem Viertel Liter Wein - in einem der zahlreichen Weinlokale der Stadt.
Auch die Stuttgarter Innenstadt ist mit seiner Mischung aus herrschaftlicher Schlossarchitektur, Jugendstil-Einkaufspassage und modernistischer Museumsarchitektur, in deren Innenleben große Ausstellungen alter und neuer Meister stattfinden, reizvoll. Immer noch ein Geheimtipp, da durch die Hauptstätter-Straße mehrspurig und sehr markant von der Innenstadt getrennt, ist das Bohnen-Viertel. Das ehemalige Arbeiterviertel aus dem 15. Jahrhundert wurde liebevoll und aufwändig restauriert und bietet den Flair einer mittelalterlichen Kleinstadt.
Schillers Räuber im Bosperwald
Direkt am Rande des Bohnen-Viertels könnte auch Friedrich Schiller eine Wanderung begonnen haben. Denn hoch hinauf führen Stäffele heute zum Bosperwald und der dortigen Schiller-Eiche. An der recht städtisch geprägten "Bopserstraße" und vorbei an Jugendstilfassaden geht es gleich danach im "Fritz-Brauer-Weg" in Schlängellinien erst einmal 105 Stufen ansteigend durch einen angelegten Waldabschnitt, quasi durch den Hintergarten der Alexanderstraße. Und dann noch vorbei an dem Bopserbrunnen und dem Friedrich-List-Denkmal.
Schiller hatte es sicherlich noch nicht so komfortabel, musste noch durch die Weinsteige stiefeln. "Selbst hat er eher den Wein geliebt und weniger die Weinberge", erklärt dazu Stadtplaner und Stäffele-Wanderführer Medek. "So wird er also kaum auf den Stäffele in den Weinbergen unterwegs gewesen sein." Und im Weißenburg-Park – etwa 115 Stufen aus Naturstein – ragen dann ganz zu Beginn zumindest noch die Zweige wilden Weins in den Weg hinein, wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten.
Bis der Park dann in die Straße "Zur Schillereiche" mündet, in der sich praktischerweise auch dieses berühmte Gewächs auf einer kleinen Wiese gleich befindet. Etwa eine Stunde dauert der atemberaubend-strammer Fußweg dorthin. Dafür ist das Panorama über den Stuttgarter Talkessel an vielen Stellen der Wanderung ebenfalls atemberaubend gut.
Schiller-Eiche in Stuttgart nach anstrengender Staeffele-Wanderung
An der
Schiller-Eiche rezitierte Schiller selbst dann wohl auch seine "Räuber", die er in seiner Stuttgarter Zeit als Medizinstudent zwischen 1776 und 1781 verfasste. Wohl nicht ganz verständlich, wie mehrere Fachliteraten schreiben: Eher erbärmlich krächzend, mit falschem Pathos und hochtrabend – und nicht zuletzt im breitem schwäbisch.
Atemlos schnaubt der Jogger die Stufen der 1893 angelegten Sünderstaffel hinauf, ignoriert dabei das satte Grün der Parkanlagen, die reich verzierten Eisengeländer und die vielen Kastanien im Park. Und oben angekommen macht er gleich kehrt. Den Oberkörper leicht nach hinten geneigt, mit angewinkelten Armen, stakst er mit etwas zitternden Beinen die 160 Stufen wieder bergab, hustet zwischendurch lautstark und prustet seine warme Atemluft hinaus. Der Abstieg poltert dann doch schon länger als 80 Sekunden. Für die einen sind die Stäffele eben nur der kürzeste Weg zum Ziel. Für den Jogger hingegen ist wohl bereits der steile Weg selbst das Ziel.
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