"Glück auf", grüßt Joachim Seifert, "komme wohlbehalten wieder zurück über Tage", bedeutet das. Der weiß-vergilbte Ruhrkohle-Schutzhelm ist mehr als nur Arbeitskleidung. Er ist Symbol. Joachim Seifert, Jahrgang 1935, kehrt so auf der Zeche Zollverein ein, wie er es 26 Jahre lang tagtäglich gemacht hat.
Joachim Seifert ist ein "Kumpel", ein "Steiger", um genau zu sein. In der klaren Hackordnung des Reviers sind das die Bergleute mit Bergschulausbildung oder Studium. "Zollverein", einst größte Zeche des Reviers, modernste der Welt. Sie ist eine der Hauptattraktionen der
"Industrieroute Ruhr": Wo früher Schlote dampften und die beiden Körbe des Fördergerüstes aus 1300 Metern Tiefe täglich 22 000 Tonnen Gestein transportierten, begleitet Seifert heute Touristengruppen über das Gelände.
Ruhrgebiet: Region mit kulturellem Charme
Fünf Millionen Menschen in 20 Städten, ein großer roter Fleck auf der Landkarte. Selbst aus dem Weltraum ist das Ruhrgebiet mit bloßem Auge erkennbar.
Musicals wie
Starlight-Express (Bochum), Opern im
Aalto-Theater (Essen). Der
Innenhafen von Duisburg wurde vom Stararchitekten Norman Foster entwickelt. Teure Luxusjachten ankern hier, das Ufer säumen In-Kneipen, exklusive Bürofassaden und verrottete Stahlbetonspeicher.
Das
Tetraeder in Bottrop steht auf einer Kohlehalde, wackelt und leuchtet bei Nacht, direkt neben einer Indoor-Skihalle. Das Schiffshebewerk in Henrichenburg, die Jahrhunderthalle in Bochum,
Zeche Zollern in Dortmund,
Henrichenhütte Hattingen. Im
Gasometer Oberhausen gibt es populäre Ausstellungen, direkt nebenan shoppt man im Einkaufszentrum CentrO.
Stoff für einen mehrwöchigen Kultururlaub. Reiseveranstalter bieten ein- und mehrtägige Touren durch das Revier an, je nach Geschmack mit Schwerpunkten auf Kultur, Industrie oder Natur.
UNESCO-Weltkulturerbe als Meilenstein im Revier
5 000 Menschen arbeiteten in Blütezeiten auf Zollverein. Etwa 240 000 Touristen besuchen das UNESCO-Weltkulturerbe heute jährlich. 1926 wurden die Gebäude im roten Ruhrgebietsbackstein komplett im Bauhausstil errichtet. Der Weg über den "Ehrenhof" vor dem Fördergerüst Schacht XII. Dann die "Energiestraße". Symmetrie und gerade Linien. Selbst die Laternen zum Kesselhaus, heute Red Dot Designzentrum, wurden auf dem Weg in ihrer Höhe abgesenkt, damit der Fluchtpunkt noch deutlicher hervortritt.
Kohlenwäsche als Museum
In der "Kohlenwäsche" riecht es nach Staub, Schweiß und Rost, klebrig rußt die schwarze Kohle von den Wänden. An den Förderbändern, am Geländer, an den ausgelatschten Treppen, an den dicken Rohren, Loren und Maschinen. Hoch und runter: Die Kohle wurde auf fünf Etagen sortiert, 40 Meter, auf und ab. Trichter, Rutschen, Siebe und die Wasserbecken, in denen mit Strömung und Wellengang die Kohle zum Schluss auf 95-prozentige Reinheit "gewaschen" wurde.
1986 schließt mit Zollverein die letzte Zeche Essens. Das Arbeitsgerät steht jetzt im Museum. "Nach der Schließung wurde vieles geraubt", sagt Seifert. "Die Sachen sind hier zum Teil von anderen Zechen des Reviers." Panschippe, Mottek (ein großer Hammer) oder Brechhobel. Gelb-schwarze Gummistiefel, Arbeitsschuhe mit Stahlkappe. "Filter und Lampe aufgesetzt und ab ging es unter Tage."
Hüttenwerk als Freizeitpark
Eine halbe Stunde Autofahrt, Duisburg: Der
Landschaftspark Nord, ehemals Thyssen-Hüttenwerk. Jonathan Park, Illuminator der Rolling Stones, verwandelt es bei Nacht zu einem "Märchenpalast der Postmoderne". Eine aufwendige Lichtinstallation, denn im "Tal der tausend Lichter", dem vergangenen Ruhrgebiet der glühenden Hochöfen, erhellt der klassische, Funken sprühende Eisenabstich schon lange nicht mehr die Nacht taghell.
"Jede Wetterlage erzeugt aber ganz eigene, interessante Einblicke", erzählt Reiseleiter Andreas Matthes. "Bei Nebel etwa erzeugt der Dunst und die matt nasse Stahlkonstruktion eine ganz mystische Atmosphäre." In den Kohlebunkern des Werkes klettern heute Free-Climber, im Gasspeicher suchen Taucher unter Wasser ein versenktes Autowrack. In der Kraftzentrale finden im Sommer Konzerte statt. Drei rostige Hochöfen, 40 Meter hoch, Industrie-Dinosaurier. Hochofen 5 ist begehbar, bietet einen tollen Rundblick über das Ruhrgebiet.
Generationen unter Tage
Sein Sohn arbeitet als Diplom-Geologe für die Stiftung Zollverein, Joachim Seifert selbst pflegt mit ehemaligen Kumpeln das Kulturerbe der Zeche. Das Alte und das Neue, zwei Generationen sind hier auf Zollverein zusammengeblieben. Das hat Tradition. "Unter Tage sagte man: Der Vater kommt von oben", erzählt Seifert Senior. Das bedeutet: Der Vater ging in Rente, wenn der Sohn 200 Meter tiefer weitergrub. Eine Generation dauerte es, bis ein Kohlenflöz abgebaut war.
Zwei Stunden dauert heute die Steigerführung. Danach einen Schnaps oder eine "Pulle Bier". Wie damals. Steiger Seifert hebt das Glas und grüßt: "Glück auf!"
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