Der Charme der fünfziger Jahre: grau-weiß gesprenkelte Bodenplatten, hellblaue Fliesen an den Stahlbetonsäulen. Ein Schaukasten unterteilt in Verwaltung, Betrieb, Knappschaft, Gewerkschaft und Betriebsrat. An der Wand auf weißem Putz die Kokerei in weichen Pinselfarben. "Wir haben hier Koks für die Hochöfen gebacken", erzählt Gerhard Hendler. Die Kokerei Hansa in Dortmund ist ein begehbares Industrie-Denkmal – und eine Touristenattraktion.
Goldfische im Auffangbecken
Als wäre hier erst gestern der Schalter umgelegt worden: Ein merkwürdig ölig-staubiger Geruch hängt etwa über der Wasserlöschstelle für den Kokskuchen. Früher qualmte hier der Wasserdampf, "da haben wir in Huckarde Wolken gemacht", beschreibt Gerhard Hendler, heute Touristenführer, ehemals Chemietechniker. Der frisch gegarte Koks musste mit Wasser gelöscht werden, damit sie durch die Berührung mit Sauerstoff nicht gleich verbrannte.
Heute schwimmen in den Auffangbecken Goldfische. Und die Natur erobert sich großflächig die Bahntrassen und auch die Batterieoffendecken zurück. "Hansa ist ein vergehendes Denkmal. Hier wuchert alles zu", erklärt Hendler. "Industriewald" entsteht in den Freiräumen,
Altes vergeht, Neues ensteht. "Das ist auch Sinnbild für die sich erneuernde Region. Sie muss sich neu erfinden." Sicherlich ist es auch das Geld: Das dreißig Hektar große Gelände kann unmöglich in jedem Detail instand gehalten werden.
Produktionsschluss der Kokerei
Strukturwandel im Ruhrgebiet: Auch für die Kokerei Hansa kam das Ende. Am 15. Dezember 1992 wurde der Betrieb eingestellt. In Hochzeiten arbeiteten hier tausend Personen, fünftausend Tonnen Koks kamen am Tag aus 314 Öfen in fünf Batterien. An der "schwarzen" Straße reihen sich die Öfen.
Die Kokerei war eine Chemiefabrik: Steinkohle wurde bei über tausend Grad Celsius in etwa zqanzig Stunden zu Koks gegart. Das enthält 98 Prozent Kohlenstoff und ist somit bestens für hohe Hitze zur Roheisenerzeugung in Hochöfen geeignet. Die "weiße Straße" gewann aus den weiteren Kohlenwertstoffen Gas, Ammoniumsulfat, Schwefelsäure, Rohbenzol und Teer.
Heute ist die Kokerei Hansa Denkmal. Denkmalhistorisch interessant ist die klare
Industriebauweise aus der Gründungszeit 1927/28 und die Einbindung in den Energieverbund: Die benachbarte Zeche Hansa lieferte überwiegend die notwendige Kokskohle, im Hüttenwerk Dortmund Union wurde mithilfe von Koks Roheisen produziert und das gereinigte Gas wurde an das Stahlwerk und in das der Ruhrgas-Netz eingespeist.
Aussicht über das Revier
34 Meter in die Höhe: Über lange Förderbänder kam die Kohle zu den Vorratsbunkern. Glasscheiben an den Seiten, ein Blick auf die schwarze Seite der Kokerei. In der Mitte verrostet das Lieferband. Oben im Kohlenturm wurde die Ware sortiert, viertausend Tonnen Fassungsvermögen hatten die Bunker.
An guten Tagen durchliefen die komplette Kokerei siebentausend Tonnen Kohle, um daraus fünftausend Tagestonnen Kokskohle zu produzieren. "Das war eine harte Arbeit", erzählt Gerhard Hendler, "die Männer brauchten keine Muckibude, das war im Gehalt mit drin." Die Mitbestimmung spielte aber in der Montanindustrie eine große Rolle, Gewerkschafter der IG BCE sorgte für gute Arbeitsbedingungen. Tauben gurren, in der flachen Halle ganz oben schallt seine Stimme.
Klare Luft über Dortmund-Huckarde
"Kokereien sind chemische Fabriken", erzählt Gerhard Hendler. "Da qualmt und stinkt es." Der Mann spricht aus Erfahrung: Für den Dortmunder Hoesch-Konzern wurde er Chemielaborant, studierte schließlich Chemie. 1980 kam er zur Ruhrkohle (RAG): Auf jeder Führung durch die Kokerei Hansa auf einem gesicherten Erlebnispfad trägt er noch heute seinen weißen RAG-Schutzhelm. Die Kokerei Hansa kennt Hendler gut: Er hat zwar nicht hier gearbeitet, aber er besuchte die Kokerei im Dienst regelmäßig. Mit 53 Jahren kam für ihn der Vorruhestand.
Heute ist die Luft klar über Dortmund-Huckarde. Die Anwohner wollten erst nicht an Hansa erinnert werden. "Weg damit", grummelten die Arbeiter in den Eckkneipen des Viertels. "Es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet", erzählt Gerhard Hendler.
Ganz durchsetzen konnte er sich nicht, der Kokerei-Hansa-Gasometer steht kurz vor dem Abriss. Auf den Stand von 1928 soll die Kokerei "zurückgebaut" werden. Neben großen Teilen der "schwarzen" und "weißen" Straße bleibt aber das Empfangsgebäude und die Kompressorenhalle mit Dampfmaschinen aus Industriebackstein erhalten und strahlt weiter den Charme der zwanziger und fünfziger Jahre aus.
Infos zur Führung: Offene Führung
Termine:
- April bis Oktober: donnerstags 14.00 Uhr, samstags 14.00 und 16.00 Uhr, sonn- und feiertags 11.00, 14.00 und 16.00 Uhr
- November bis März: donnerstags 14.00 Uhr, samstags 14.00 Uhr, sonn- und feiertags 11.00 und 14.00 Uhr
Dauer: etwa 2 Stunden
Preis: 4,50 Euro pro Person (ab 2006: 5 Euro), Kinder unter zwölf Jahren kostenlos, Anmeldung nicht erforderlich
Kontakt: Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Emscherallee 11, 44369 Dortmund-Huckarde, Fon +49 (0) 231-931122-33, Fax +49 (0) 231-931122-10, kreutzer@industriedenkmal-stiftung.de
Links: Führungen auf der Kokerei Hansa, Allgemeine Infos zur Kokerei Hansa
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