Das römisch-germanische Museum in Köln Fotoquelle: Axel Thünker DPGh
Das römisch-germanische Museum in Köln

Nass-tröpfelnde Kloake unter Köln

"Schau mal hier, Gisela, da tröpfelt es", sagt der etwa 60-jährige Mann mit einer tiefen, durchdringenden Stimme. Und läuft hinein in den fast 150 Meter langen Abwasserkanal, der ein Stück römischer Geschichte ist. Auf den Spuren der Römer in Köln.

Acht Füße werden leiser. Nach etwa 15 Sekunden verschwimmen die Worte zu einem unverständlichem Glucksen, als hätte Wasser sie sanft verschluckt. Die Schritte verklingen, die Stimmen murmeln, ein hohes Lachen: Ab und an sticht noch Giselas hohe Stimme hervor. Dann hat der antike römische Abwasserkanal, fast zehn Meter tief unter der Kölner Stadtmitte, auch ihre Geräusche verschlungen.

Ein langer, gewölbter Gang, zwei Meter hoch und etwa einen Meter breit, kühl und feucht. Rechts und links jeweils fünf aufeinander gemauerte graue, grobporige und quadratische Natursteine. Die Quader sind unterschiedlich breit, zwischen ein und zwei Ellen, und reichen ein bis zwei Spannen in die Höhe. Sie sind uneben, von Kratern und Tälern durchzogen; das Moos formt bewaldete Hügel. Die Römer schnitten die Steine millimetergenau zu. Aber rund dreihundert Jahre der Nutzung haben den weichen Stein ausgewaschen und geformt.

Große Kloake unter den Straßen Kölns



Dadrüber eine Wölbung aus weiteren sieben Natursteinen. Modriger Geruch zieht in die Nase und ein Tropfen löst sich von der Decke - "plopp" – er plätschert auf den feuchten unebenen Naturstein Boden – es folgt Stille – und dann wieder "plopp" erneut löst sich ein Tropfen. Kristallig glitzert die feuchte Stelle durch das gedimmte Licht an Wand und Wölbung. Und nach und nach lösen sich immer und immer wieder einige Tröpfen von der Decke. "plopp, plopp, plopp"

Das Moos wächst im direkten Lichtkegel der etwa handflächengroßen Scheinwerfer, die im Abstand von rund zehn Metern unregelmäßig über den Gang verteilt sind. Wo das Kunstlicht die fast 2000 Jahre alten Steine nicht direkt erreicht, sind sie von einer weißlich-pelzigen Substanz überzogen. Es riecht nach Moder und Schimmel, wie im Keller eines alten Hauses.

"Cloaca Maxima", sehr große Kloake, so nannten die Römer ihre Kanalisation, die hier unter dem Kölner Prätorium begehbar ist. Groß war sie in der Tat: Neun Kanäle gab es, die Abwässer entsorgten, vorwiegend im Rhein. Und Abwasser hatte "Colonia Claudia Ara Agrippinensis" – so der Name Kölns zur Römerzeit – reichlich. Aus Vorgebirge und Eifel wurde Frischwasser herangeführt; die üppigen germanischen Regenfälle taten ihr übriges. Der Abwasserkanal wurde erbaut, kurz nachdem die Stadt 50 nach Christus den Rang einer Kolonie erhielt. Mit der Übernahme Kölns durch Franken und Germanen wurde er etwa 375 nach Christus wieder aufgegeben. Im Mittelalter wurde der Tunnel mit Abfällen und Resten zugeschüttet und geriet allmählich in Vergessenheit.

Köln in römischer Zeit



Die Römer trieb es 58 vor Christus ins Rheinland, als Julius Ceaser begann ganz Gallien zu erobern. Auf einen Hügel am Rhein gelegen gründete er das römische Köln um 19 vor Christus unter der Leitung Agrippas. Damals nannte sich die Siedlung Oppidum Ubiorum. Doch schon im Jahre 50 nach Christus erteilte der römische Kaiser Claudius der Siedlung Oppidum Ubiorum den Status einer Stadt römischen Rechts und gab ihr den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA). Von da an entwickelte sich das antike Köln enorm. So wie es sich für eine Colonia gehörte, wurde die Stadt nach dem Vorbild Roms ausgebaut. Das Straßennetz wurde innerhalb der Stadt neu organisiert.

Es bestand aus senkrecht zueinander angelegten Straßen mit einer Nord-/Süd-Hauptstraße und einer Ost-/West Hauptstraße. Dieser Straßenverlauf ist heute noch mit den Trassen von der Hohe Straße und Schildergasse zu erkennen. Ganz wie in Rom entstand um die Stadt herum eine knapp 4 Kilometer lange und etwa 8 Meter hohe Stadtmauer mit neun Stadttoren, 19 runden Wehrtürmen und einem großen quadratischen Turm an der Süd-Ost-Ecke. Heute erinnern nur noch viele Überreste der Römer, die an völlig unerwarteter Stelle liegen, an die Blütezeit der Colonia Claudia Ara Agrippinensium.

Die Schwerkraft führte dazu, dass der Kanalrest entdeckt wurde – auf der Suche nach Kohlestücken, die in einem Loch verschwanden. Nach der Wiederentdeckung 1830 wurden Teile mit preußischen Feldbrandziegeln verkleidet. Oft wird deshalb das Grau der Römersteine von Backsteinrot durchbrochen. Ausbuchtungen am Rand künden davon, dass Kölner Brauhäuser den Schacht nutzten, um Bierfässer zu kühlen. Im Zweiten Weltkrieg floh die Bevölkerung vor Luftangriffen hierhin.

Römische Spuren im Kölner Parkhaus am Dom



Parkdeck D2 unten, zwischen Feld 192 und 193. Ein Golf Diesel in Silbermetallic kommt im Schritttempo heran. Es riecht nach Urin, etwa sieben Meter rechts unter der Ausfahrt Trankgasse. Zentimeterdicke, weiße Gitterstäbe mit vereinzelten Rostflecken trennen die dunkelrot geflieste Treppe von einer archäologischen Fundstelle. Wäre das Metallgitter nicht, könnten die Parkkunden auf dem Weg ins Tiefdeck auf die steinernen Fundamente der ehemaligen römischen Stadtbefestigung steigen und dort spazieren gehen, mitten im Kölner Parkhaus am Dom.

Und das hätte wahrhaft historischen Charakter: Denn hier befinden sich Teile der römischen Stadtmauer, nur wenige Meter unter den Touristenströmen am Kölner Dom verbirgt sich im Parkhaus ein römisches Kleinod. Die Mauerreste ruhen auf einer glatten, schwarz gestrichenen Fläche, die zum Betonboden hin abschließt. Etwa fünf Meter hohe Ruinen aus handtellergroßen Steinen ziehen sich über etwa zwölf Meter Breite in west-östlicher Richtung parallel zur Trankgasse. Am linken Ende hört die Mauer abrupt auf, dort ist sie etwa zwei Meter tief. Fünf Meter rechts davon zieht sich ein etwa fingerbreiter Riss von oben nach unten durch das Gemäuer. Er windet sich wie eine Schlange.

Die römische Stadtmauer wurde in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts gebaut. Auf fast vier Kilometern Länge umfasste sie die römische Kolonie. Bis ins Mittelalter wurde sie als Wehrmauer benutzt. Wo die Mauer ganz rechts im Sichtbeton der Tiefgarage zu verschwinden scheint, weil das Parkhaus um sie herum gebaut wurde, haben die Bauarbeiter einige Zentimeter Rand frei gelassen. In Augenhöhe steht ein Grafitti auf dem Beton: "YM WAS HERE! FROM IRELAND. 18.02.03."

Ein düster-dumpfes Römererlebnis



Köln ist auf Grund seiner römischen Geschichte eine der ältesten Städte Deutschlands. Natürlich zeigt das die Stadt auch, etwa mit dem bekannten römisch-germanischen Museum. Auch so bietet die Stadt viel: Über vierzig Museen gibt es in Köln. Und der 157,38 Meter hohe Dom prägt die Millionenstadt genauso, wie die unendlich vielen Kneipen, in denen 28 verschiedene Kölschsorten ausgeschenkt werden. Die Lebensfreude der Rheinländer und der Kölner ist sprichwörtlich und äußert sich besonders im Karneval.

Über eine Million Menschen versammeln sich jährlich in der Innenstadt, um Karneval zu feiern und den "Zoch", den Rosenmontagszug, zu sehen. Auch die Römer in Köln hatten ihren Karneval: Während der Saturnalien stand die Welt tagelang Kopf, Sklaven ließen sich von ihren Herren bedienen, es wurde allgemein getrunken und gefeiert. Und anders als im Mittelalter war für die Sauberkeit der Stadt bestens gesorgt, der römische Abwasserkanal funktionierte rund 1600 Jahre lang problemlos. Und ist heute ein düster-dumpfes Römererlebnis der besonderen Art.

Vom plätschernden Tropfen zur Echolawine im Abwasserkanal



Unverständliches Geraune, wie Blubbern von Luftblasen. Die zwei Besucherpaare in den grauen Jacken kehren vom Ende des römischen Abwasserkanals zurück. Die Stimmen kommen näher, die Worte sind wieder zu verstehen. "Katakomben sind das hier." Die hohen Absätze der Frauen klappern, die Stiefel der Männer scharren heran auf dem Tuffstein der römischen Baumeister. "Auf historischen Spuren", sagt der Mann mit markanter Stimme.

Da überschallt auch das Stimmengewirr und das Echo von Schritten die plätschernden Tropfen. 30 Schüler mit einer Führung. Kurz wird es leiser - "plopp" da löst sich wieder ein Tropfen. Es rollt die Echolawine von Stimmen und Schritten heran. Unruhe, Gedränge hin zum matten Schein der Lampen am Ausgang des Tunnels. "Im Abwasserkanal wird es nach hinten hin immer enger und die Decke immer tiefer." Das war zu viel für Anna. "Wir mussten umkehren", erklärt die Schülerin Hanna vom Piusgymnasium. Anna kichert und gibt verlegen zu, dass sie oft Platzangst hat. Und sie treten erleichtert durch die offene Glastür, hinaus in die oberirische Welt von Köln. Zurück bleibt nur noch das dumpfe Platschen von herabfallenden Tropfen.

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Datum: 19.04.2011 09:00:00 Uhr
Autor: Peter Bachmann, Heidi Hecht
Fotos: Axel Thünker DPGh (Teaser/Textbild1)