Es ist kalt, bitterkalt. Ein frostiger Abend im Februar, abends halb sieben. Andreas Matthes ruft die etwa 25 Teilnehmer zum Torpedopfannenwagen. "In zehn Stunden kühlt hier das 1.500 Grad heiße Eisen nur um etwa hundert Grad ab", erklärt der Maschinenbaumeister. "Lange Strecken konnten so ohne Problem zurückgelegt werden." Auftakt einer Führung durch die Welt der Roheisenerzeugung, auf den Spuren der "
Industriekultur Ruhr" im Landschaftspark Nord in Duisburg-Meiderich.
Lichtinstallation von Jonathan Park
Alle sechzig Minuten geht für zwei Minuten das Licht aus: Jonathan Park, Illuminator unter anderem von Pink Floyd, taucht das alte Hüttenwerk am Wochenende und feiertags in grüne, rote und blaue Farben, alle paar Minuten einer anderen Kombination. Beginn ist zur Abenddämmerung, Ende um ein Uhr nachts.
"Kinder erkennen mit ihrer Fantasie viel", erklärt Andreas Matthes, "vor allem Tiere." Der große Transportkran wird so für ein paar Minuten zu einem grünen Krokodil, ein Teddybär erscheint. Dreißig Minuten lang gehen die Lichter an, dreißig Minuten wieder aus. "Jede Wetterlage erzeugt dabei ganz eigene, interessante Einblicke", so Matthes. "Bei Nebel etwa erzeugt der Dunst und die matt nasse Stahlkonstruktion eine ganz mystische Atmosphäre."
Lichtkunst da, wo früher Stahlabstich und Schlackekippung ein ganz eigenes Feuerwerk an Funken und Wärme erzeugte.
Apotheke des Ruhrgebiets
Das ehemalige Hüttenwerk August Thyssen produzierte zwischen 1901 und 1985 dreißig unterschiedliche Roheisenerzeugnisse, die "Apotheke des Ruhrgebiets" nannten es die Arbeiter wegen dieser Vielfalt auch. Die Stahlkrise brachte 1985 das Aus für damals noch etwa siebenhundert Angestellte, ruhrgebietsüblich fanden diese durch Vorruhestandsregelungen oder Übernahmen in anderen Stahl- und Hüttenwerken aber einen sozialen Ausgleich.
Damals kochten hier fünf Hochöfen jeweils etwa tausend Tonnen Eisen am Tag. Drei Schichten, ununterbrochen. Alle fünfzehn Jahre verschließ ein Hochofen. Heute bringt der größte Ofen im benachbarten ThyssenKrupp-Stahlwerk alleine 13 000 Tonnen am Tag, taucht immer noch das Firmament in einen orangefarbenen Grundton. Nach Schanghai ist Duisburg der zweitgrößte Stahl- und Roheisenproduzent weltweit.
Frei zugängliche Industriegeschichte
Der Landschaftspark Nord ist ein offenes Museum: Etwa 500 000 bis 900 000 Besucher laufen hier jährlich über das Gelände. Der Hochofen 5 ist besteigbar und bietet einen tollen Panoramablick über das Ruhrgebiet.
Die Bunkeranlagen für die verschiedenen Rohstoffe der Eisenproduktion werden heute von der Pflanzenwelt zurück erobert, ein abgetrennter Nebenarm der Emscher führt heute sauberes Wasser. Überall stehen alte, rostige Reliquien der Eisenproduktion. "Ich habe diesen Park das erste Mal mit einem Fotokurs besucht", erzählt Matthes, "seitdem lässt er mich nicht mehr los." Der 33-Jährige kommt gar nicht aus dem Ruhrgebiet, hat aber seine Leidenschaft für die Region entdeckt. Heute spricht er hier über die harte Arbeit an den Hochöfen, über Wacholder-Willi, der den Verladekran fuhr und über Füchse (Funken aus dem Eisen).
Und über die neue Nutzung des Parks als Kletterparadies für den Deutschen Alpenverein – Sektion Duisburg, als Tauchbecken (ehemaliger Gasometer mit 22 000 Litern Wasser und 13 Meter Tiefe) oder Konzertsaal (in der ehemaligen Gebläsehalle). "Das
Ruhrgebiet hat sich gewandelt", erzählt Matthes. Er erlebte vorher die Region, wie sie unter dem harten Strukturwandel mit dem Verlust von zahlreichen Arbeitsplätzen litt. "Das alte Image von dem Ruß und Dreck ist in den Köpfen der Touristen auch heute noch sehr häufig anzutreffen", beschreibt er.
Heute ist das alte Image ein neues Erlebnis: Industriekultur Ruhr – der Landschaftspark Nord ist ein neues touristisches Highlight der Region auf den Spuren der alten Montan- und Kohleindustrie.
Details zur Führung:
Es werden mehrere unterschiedliche Führungen über den Landschaftspark Nord angeboten, einen Überblick gibt es auf der Website von Tour-de-Ruhr,
www.tour-de-ruhr.de
- Tour 1: "Blick auf die Industriegeschichte"
Dauer: ca. 1 3/4 Stunde
Treffpunkt: Besucherzentrum im Hauptschalthaus
Hinweis: Bequeme und wetterfeste Schuhe/Kleidung.
Termine: Angemeldete Führung: Jeden Freitag, Samstag und an Feiertagen November bis Februar 18.00 Uhr, März bis Oktober 18.30 Uhr, April bis September 20.00 Uhr, Mai-August 20.45 Uhr, Preis pro Person: 6 Euro
Offene Führung: Samstag, Sonntag und an Feiertagen 14.00 Uhr, Preis pro Person: 5 Euro - Tour 2: "Von wegen altes Eisen" – über den Strukturwandel
Dauer: ca. 1 3/4 Stunden
Treffpunkt: Besucherzentrum im Hauptschalthaus
Hinweis: Bitte tragen Sie bequeme und wetterfeste Schuhe/Kleidung.
Offene Führung: von April bis Oktober jeden Samstag, Sonntag und an Feiertagen 17.00 Uhr, Preis: 5 Euro
Kontakt:
Telefon: 0203/4291919
Telefax: 0203/4291945
E-mail: info@tour-de-ruhr.de
www.tour-de-ruhr.de
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